Einleitung: Als ich im Sommer 2018 in Spanien den „Camino Primitivo“ bestritt, gab es sowohl auf dem Hinflug als auch auf dem Rückflug Probleme durch Flugausfälle. Die Probleme auf dem Hinflug von Hamburg über Lissabon und Madrid nach Oviedo sind im Blog von Hamburger Freunden als Gastbeitrag beschrieben. Die Probleme auf dem Rückflug von Santiago über London nach Hamburg im Folgenden.

So ein Drama wie bei meiner Hinreise zum Camino Primitivo konnte sich doch unmöglich wiederholen, oder? ODER? Doch, konnte es. Es kam sogar noch wesentlich schlimmer.

Der Rückflug war ein ebenso früh gebuchter Flug. Mit EasyJet sollte es per Zwischenstop in London Gatwick zurück nach Hamburg gehen. Auch hier war der erste Flug kein Problem. Da ich tatsächlich inzwischen etwas paranoid war, blickte ich in den sechs Stunden Aufenthalt in London immer wieder mit misstrauischen Augen auf die Abflugtafel. Doch erneut sah lange alles einigermaßen gut aus. Am frühen Vorabend türmten sich zwar ein paar Verspätungen auf, bei einem Dutzend Flügen stand DELAYED auf der Anzeigetafel mit einem neuen Abflugtermin. Mein Flug wurde um 75 Minuten nach hinten verschoben und sollte nun um 19:59 Uhr abfliegen. Zeitverschiebung eingerechnet malte ich mir auch schon aus, dass das bis zur „offiziellen“ Schließung des Flughafens in Hamburg etwas knapp werden würde. Doch immerhin: Es wurde bisher kein Flug gestrichen.

Aus sechs Stunden Aufenthalt wurden also wieder gute sieben. Ich jubelte, als mein Flug endlich ein Gate bekam und doppelt, als die letzte Prüfung von Boarding und Reisepass am Gate begann. Ich setzte mich auf einen Stuhl im Wartebereich und harrte dem Gang ins Flugzeug. Irgendwann um 19:45 Uhr dann doch die Hiobsbotschaft: Der Flug wurde gecancelt. Angesichts dessen, dass ich am Folgetag schon wieder arbeiten musste, keinen Urlaubstag mehr über hatte und am 1. September den Arbeitgeber wechselte, fragte ich mich wie hier die Regularien waren. Doch schob ich das bald nach hinten in der Prioritätenliste. Ich erwartete, dass EasyJet auch hier den betroffenen Passagieren eine Hotelübernachtung und Alternativflüge anbieten würde. Tatsächlich sollten auch alle Passagiere eine halbe Stunde später zum Customer Service geleitet werden.

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Die „Versorgung“ durch EasyJet

Währenddessen sickerte durch, dass eine Maschine von British Airways am frühen Vorabend auf der Landebahn liegen geblieben war, was auch die zahlreichen Verspätungen produziert hatte. In der Luft befindliche Maschinen hatten ebenfalls nicht landen können und wurden teilweise umgeleitet oder mussten für 30-60 Minuten Schleifen in der Luft ziehen. Zuerst hörte ich von vier Maschinen, die gecancelt wurden. Als uns ein Mitarbeiter dann in den Außenbereich (das wird noch wichtig werden) zum Customer Service lotste, befand ich mich in der Passkontrolle in der Mutter aller Warteschlangen. Für 45 Minuten fühlte ich mich ob der schieren Menge an Einreisen in die USA erinnert, nur dass sich hier die Schlangen wesentlich schneller abbauten, da keine Fragerunde zur Immigration vollzogen wurde. Aus den vier ausgefallenen Maschinen wurden zwischenzeitlich dann auch zehn, was das hohe Aufkommen an Menschen erklärte.

Der Customer Service im Außenbereich entpuppte sich als ein kleiner Schalter mit zwei Plätzen inmitten einer riesigen Halle, in der normalerweise die CheckIns von EasyJet an mehreren Dutzend Automaten durchgeführt wurden. Als Airline der preiswerteren Art gab es hier keine personell besetzten Schalter. Als ich dort eintraf, befanden sich schon Hunderte von Menschen in der Halle, der Customer Service war geschlossen, vereinzelte Mitarbeiter verteilten Wasser oder gaben Auskunft und die Automaten waren von den anwesenden Passagieren in Benutzung, um selbständig Flüge um- oder Hotelzimmer zu buchen.

Ich muss zugeben, dass ich in diesem Moment zwar von einer Panik noch weit entfernt war, aber kaum noch in der Lage war einen vernünftigen Gedanken zu fassen. Ich war ob der kurzen Nacht vorher müde, ich hatte sträflich wenig getrunken, ich war schon eine gute Stunde im Flughafen irrgelichtert in der Hoffnung hier nun in ein Hotelzimmer verfrachtet zu werden, musste am Folgetag eigentlich wieder arbeiten und fühlte mich allgemein im Stich gelassen. Was im Grunde auch so war, angesichts mutmaßlich 1.000 Menschen ohne Hotel und Flüge auch recht natürlich. Es war offensichtlich, dass jeder hier selbst schauen musste, wo er blieb. Dass EasyJet nicht stärker in die Bütt ging, sondern nur das Notwendigste tat, lag vermutlich daran, dass British Airways in diesem Fall die schuldige Airline war.

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…und das Gepäck?

Apropos blieb: Wo war eigentlich mein Gepäck? Eine Mitarbeiterin – entweder von EasyJet oder vom Flughafen – meinte, das läge wohl unten auf dem Paketband. Und das Paketband war – logisch – im Innenbereich, den ich eilig und gedankenlos verlassen hatte, um zum Customer Service zu gelangen. Ich wurde an einen anderen Mitarbeiter verwiesen, bei dem sich zwischenzeitlich wohl häufig mal ein paar Dutzend Menschen mit demselben Problem gemeldet hatten. Denn der tourte fröhlich mit den Leuten zwischen Außen- und Innenbereich durch die Gegend. Über einen Gang für Bedienstete des Flughafens wurde ich durch eine eigene Security geleitet, die wohl auch für Personal o.ä. war. Ich musste nun zwar erneut die komplette Prozedur durchführen, als ob ich gleich fliegen würde, aber immerhin kam ich gleich dran und es ging schnell.

Randnotiz: Frei nach Murphy hatte ich mich während der Wartezeit allerdings mit ein paar Fläschchen eingedeckt, die Flüssigkeit enthielten. Da Flüssigkeiten aber nicht in den Innenbereich durchgelassen werden, sondern maximal dort gekauft werden können, musste ich sie beim Security-Guy im Raum deponieren. Ich angelte mir im Innenbereich innerhalb weniger Minuten meinen Rucksack und ging schließlich mit diesem wieder nach draußen, um mir beim Security-Guy die Flaschen wieder abzuholen.

Durch das Chaos

Ich hatte mein Gepäck also wieder und damit zumindest die erste kurzfristige Aufgabe erfolgreich abgeschlossen. Nun war die Frage: Was ist mit Hotels? London Gatwick befindet sich einige Dutzend Kilometer außerhalb Londons. Direkt in Flughafennähe gab es zwar zwei, drei große Hotels in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Doch ein Aufruf von Booking.com zeigte mir schnell: Zumindest in einem davon war zumindest online kein Zimmer mehr zu buchen. Versuch macht klug, und so klapperte ich innerhalb von dreißig Minuten alle ab. Im ersten Hotel sagte man mir im Eingangsbereich sofort, dass British Airways alle Zimmer gebucht hatte. Tja, die direkt Schuldigen kümmern sich wohl immer am schnellsten um ihre Paxe. Im zweiten Hotel empfing mich die Mutter aller Rezeptionswarteschlangen. Ungefähr drei Dutzend Menschen standen an, um ein Zimmer zu bekommen. Ein Portier fragte mich und einen anderen Passagier, ob wir online vorreserviert hätten. Hatten wir nicht. Mit einem Blick auf die Schlange sagte der Portier dann durch die Blume, dass wir wohl kaum eine Chance auf ein Zimmer hätten.

Ich verwarf die Chance auf ein Hotelzimmer am Flughafen als Utopie und blickte erneut auf booking.com. Es gab durchaus Zimmer in wenigen Kilometern Entfernung, meist waren dies aber Pensionen mit sehr wenigen Zimmern. Ob diese wohl um 23:00 Uhr noch Gäste empfingen oder einen Late-Check-In hatten? Eventuell wüsste ja ein findiger Taxifahrer, wo ich eine Chance auf ein Zimmer um diese Uhrzeit hatte? Ich schiebe heute Gedanken dieser Art auf meine Müdigkeit, ansonsten hätte ich mich mit klaren Gedanken das nicht gefragt. Taxis fuhren außerhalb des Flughafens schon lange nicht mehr herum. Die verfügbaren transportierten schon Menschen irgendwohin. Am Schalter, wo man Taxis ordern konnte, empfing mich – die geneigten LeserInnen werden es ahnen – die Mutter aller Taxiwarteschlangen in Form von fünf Dutzend Menschen.

Nun gab es natürlich auch noch fahrende Busse, die ich hätte nehmen können. Aber ich hatte ehrlich gesagt keine Lust, mir auf booking.com ein Zimmer in der vagen Hoffnung zu buchen, dass dort noch jemand war, um mich in Empfang zu nehmen ohne zu wissen, wie ich per Bus und Taxi am Besten dort hin käme. Andersherum wollte ich auch nicht aus Lust und Laune einfach eine Stunde per Bus nach London reinfahren ohne Hotelzimmer. Es endete schließlich damit, dass ich einen Mitarbeiter des Flughafens um einen Tip bat. Und sein Tip war tatsächlich das sinnvollste in dieser Situation: „Setzen oder legen Sie sich irgendwo auf einen Stuhl und versuchen sie zu entspannen oder sogar zu schlafen, und verbringen Sie dort die Nacht.“ Natürlich war der Rat simpel, aber rückblickend war ich in einem gedanklichen Modus, dass ich diese Option nicht in Erwägung gezogen hatte. Dabei hatte ich sogar Isomatte und Schlafsack dabei.

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Die Heimreise

So schlug ich in einer Ecke des Flughafens um Mitternacht herum mein Nachtlager auf und hatte sogar noch Kraft und Muße, um mich endlich um einen Weiterflug zu kümmern. Das Buchungsinterface von EasyJet bot mir online kostenfrei den Donnerstag an (drei Tage später). Da ich im Zweifelsfall Hotelkosten und Essen auslegen musste, was in Kombination auch nicht preiswert werden würde, fand ich das keine ansprechende Option. Zumal ich wie gesagt keine Urlaubstage mehr hatte und eigentlich am Folgetag schon wieder arbeiten musste. Über Opodo fand ich vereinzelte Business-Class-Plätze für den folgenden Tag, allerdings ab London Heathrow. Da ich direkt neben einem Bereich für „Special Services“ (z.B. für Menschen mit Behinderungen oder Familien mit Kleinkindern) lag, fragte ich die dort aktive und sehr nette Mitarbeiterin, wie ich wohl am schnellsten von Gatwick nach Heathrow kommen könnte – und ob sie nebenbei auch einen Tip hatte, ob sie wüsste, ob jemand einen Strom-Adapter von EU nach UK hätte, so dass ich mein Handy laden konnte. Ich war auf so eine Situation ja nicht vorbereitet.

Sie wusste: Adapter gab es sogar zu dieser späten Stunde noch in der Ankunftshalle in einem Laden. Und am schnellsten kam man von Gatwick nach Heathrow mit dem sogenannten National Express Bus. Das ist wohl in England eine Überlandgesellschaft wie hier der Flixbus oder die Busse der Deutschen Bahn. Und auch Tickets hierfür gab es neben dem genannten Laden am Automaten. Gestärkt durch solche Infos buchte ich sowohl einen Lufthansa-Flug (Business Class, das erste Mal im Leben) für 400 Euro und löste auch gleich ein Ticket für den Bus am Folgetag. Mit dem gekauften Adapter lud ich mein Handy an einer Flughafensteckdose und fühlte mich um 01 Uhr nachts das erste Mal wieder rundum versorgt.

Die Nacht selbst wurde erwartbar schlecht. Erst nächtigte ich in der Ankunftshalle am Rand an einer Wand, wo ich um 02:30 Uhr von Flughafenarbeitern weggejagt wurde, weil sie dort was werkeln mussten. Danach wälzte ich mich mehrere Stunden in den Sesseln von „Special Services“, bis dort so viel los war, dass ich erneut auf dem Boden in der Abflughalle schlief. Doch auch dort war ab 05:00 Uhr nicht mehr an Schlaf zu denken, weil der Flughafen langsam wieder erwachte. Um 06:00 Uhr stand ich auf, nahm ein Frühstück ein und fuhr danach mit dem National Express nach Heathrow.

Der Rest war Routine. Rucksack in Folie einwickeln lassen, Rucksack aufgeben, Security, erster Flug. Hier schickte ich noch einmal ein Stoßgebet gen Himmel, denn ich hatte bei meinem Zwischenstop in München nur 40 Minuten Aufenthalt, und der Pilot musste zehn Minuten extra auf einen Slot warten. Aber er gab schlußendlich auch Gas und so landeten wir sogar pünktlich in München. Kurz warten, zweiter Flug. Von der Business Class mochte ich eigentlich nur die größere Beinfreiheit. Es gab mehr zu Essen, aber Hunger hatte ich keinen – ich war einfach nur müde und wollte ankommen.

In Hamburg angekommen strebte ich dementsprechend schnell zum Gepäckband. Dort wurde erst noch eine vorherige Maschine bedient, bis das Gepäck aus München auf dem Band landete. Doch auch dies gestaltete sich schwierig. Zum einen brauchte die Crew so lange zum Abladen, dass auf dem Band bald die nachfolgende Maschine ebenfalls bedient wurde. Und zu allem Pech landete auch noch sogenanntes RUSH-Gepäck auf dem Band – allein reisendes Gepäck, das keine Abholenden hatte und ewig im Kreis auf dem Band fuhr, während alle Passagiere auf ihre Koffer warteten, die nicht mehr auf das Band passten. Ein einzelner Mitarbeiter mühte sich damit ab das RUSH-Gepäck vom Band zu nehmen und auf dem Boden zu stapeln. Doch es dauerte über eine halbe Stunde, bis… erneut der letzte Koffer meiner Maschine auf dem Band war und mein Rucksack fehlte. Fluchend blickte ich zuerst in den Stapel mit Sperrgepäck, ob mein Rucksack dort gelandet war. Fehlanzeige. Also wieder eine Vermisstenanzeige aufgeben.

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Nach all dem Chaos nahm ich dies aber schlußendlich doch mit Gelassenheit. Immerhin war ich selbst endlich angekommen. Mein Rucksack fehlt nach einer Woche immer noch, so dass ich eine Inhaltsliste ausgefüllt und mit Neupreisen ergänzt habe. Die Gesamtsumme der Wanderausrüstung war knapp vierstellig. Ich informierte mich später noch, was mir im Verlustfall ohne Gepäckversicherung zustehen würde. Dabei kam ich auf einen krummen Betrag von gut 1.100,- Euro, die in einem solchen Fall ausgezahlt wurden. Dies hätte dann auch grob die Ausrüstung ersetzt.

Fazit: 400 Euro extra Flugkosten (abzüglich der 95 Euro, die ich von EasyJet für den gecancelten Flug wiederbekomme), dazu Nebenkosten von ca. 75 Euro für Notbehelfe in Gatwick und den Transit nach Heathrow.

Natürlich werde ich versuchen, von den Airlines für die Ausfälle Rückerstattungen zu bekommen. Inwieweit das erfolgreich wird, bleibt abzuwarten. Eventuell wird dieser Beitrag mit den Erfahrungen entsprechend aktualisiert oder ein neuer Beitrag folgen.

Ich habe mir mittlerweile für weitere Flugreisen ein paar Regeln auferlegt. Muss ich wirklich in der Haupturlaubszeit verreisen? Das immense Flugaufkommen hat meine Probleme sicherlich befördert. Und muss ich mein Gepäck wirklich aufgeben oder kann ich es im Handgepäck mitführen? Auch Trekking-Rucksäcke gehen normalerweise problemlos im Handgepäck, aber natürlich hatte ich Wanderstöcke dabei, was ein Problem darstellen könnte. Und last but not least: Bin ich auf einen Umstieg angewiesen? Ich hätte mir sicherlich eine Verbindung auf dem Hinflug bis Madrid und von dort per Bus heraus suchen können, die zeitlich kaum schlechter gewesen wäre. Auch auf dem Rückflug hätte ich von Santiago z.B. bis Porto per Bus fahren und von dort direkt zurückfliegen können. Je weniger Flüge, desto weniger Risiko.

Update: Von diesem Flugausfall habe ich keinerlei Erstattungen erhalten, da der Ausfall eines Flugzeugs einer anderen Fluggesellschaft „höhere Gewalt“ darstellte. Bezüglich des im ganz am Anfang verlinkten Beitrag beschriebenen Flugausfalls habe ich von der Fluggesellschaft – also TAP Air Portugal – ca. 200 Euro zurück bekommen. Das vermisste Gepäck kam nach gut zwei Wochen per Spedition zu mir: Kolossal stinkend, weil zwei Wochen alte Dreckwäsche in Folie eingewickelt halt nicht gut riecht. Anscheinend musste die Bundespolizei den Rucksack untersuchen, weil etwas Verdächtiges darin war. Was auch immer das wohl gewesen sein mag.