Eine zweiwöchige Pfadfinderfahrt über Sardinien nach meiner handschriftlichen Chronik von Ostern 1995 (ich war damals knapp 15)
Einführung
Diesen Text habe ich nicht letztes Jahr geschrieben, sondern vor einer halben Ewigkeit – als knapp 15-Jähriger, unterwegs, mit dem Chronikheft auf den Knien. Ich habe die alte Fahrtenchronik nur behutsam geglättet: Der jugendliche Ton, die Begeisterung und der etwas ruppige Humor sollten bleiben, ein paar allzu pubertäre Stellen habe ich entschärft. Auch die alte Rechtschreibung habe ich so gelassen, wie sie 1995 eben war.
Wir waren zu sechst als kleine Gruppe (Sippe) unterwegs – Sippenführer Florian E. sowie Jan, Ludwig, Florian S., Björn und ich –, ein Teil eines größeren Trupps aus insgesamt drei Sippen. Von Burgdorf bei Hannover ging es mit dem Zug bis Genua, per Fähre nach Arbatax und dann zu Fuß, per Anhalter und mit viel zusammengebetteltem Essen den sardischen Osten entlang: über die Golgo-Hochebene, die Cala di Luna, Cala Gonone, Dorgali bis in die Gorroppu-Schlucht. Geschlafen wurde meist unter freiem Himmel.
Die Kapitelüberschriften stammen im Original aus meinem damaligen Inhaltsverzeichnis. Die letzte Etappe (die Rückkehr am 17.4.) fehlt leider im gescannten Heft – der Text bricht auf der Rückfahrt mitten im Satz ab. [Anm.: Ein paar Stellen im Text habe ich so mit einer Anmerkung kommentiert.]
2.4.95, Sonntag: Start!
Um 21.00 Uhr trafen wir uns am Bahnhof Burgdorf, um gemeinsam abzufahren. Kurz vor der Abfahrt hielt Gerrit [Anm.: einer der anderen Sippenführer] noch eine Rede, dann ging es los. Der Zug kam, wir stiegen ein und fuhren bis Hannover. Dort hatten wir eine halbe Stunde Aufenthalt, danach stiegen wir in den 23.02-Uhr-Zug, in dem wir uns gleich langmachten – wir würden ja bis morgen früh um 9.08 Uhr fahren.
3.4.95, Montag: Zugfahren…
Wir machten es uns gemütlich, und bald zogen sich drei von uns in ein leeres Abteil zum Schlafen zurück, die anderen schliefen auch schnell ein. Zuerst war mir ein bißchen kalt, aber dann kam ich auf die glorreiche Idee, meinen neuen Schlafsack auszuprobieren. Ich guckte noch eine Weile aus dem Fenster, dann schlief ich ein.
Um 7.00 Uhr „stand" ich auf und packte meine Sachen zusammen. Ich war ganz erstaunt, als ich draußen den Schnee sah – wir fuhren durch Österreich, meine zweite Heimat. Wir frühstückten um halb acht und machten uns fertig zum Aussteigen.
Bozen war ein kleiner Bahnhof, aber dadurch nicht übersichtlicher. Wir gingen von Gleis 4 zu Gleis 1 und merkten, daß dieser Zug nur für die 1. Klasse war. Dann ging das Gerücht um, unser Zug stehe auf Gleis 6 – also stürzten alle dorthin. Da stand zwar ein Zug, aber nicht unserer; trotzdem stiegen ein paar Irre von uns ein. Als vier drin waren, fuhr der Zug an: entweder alle rein oder alle raus. Man entschied sich für „alle raus", mit dem Erfolg, daß die vier, die schon drinsaßen, [auf Grund des schon fahrenden Zugs] wieder heraus„fielen"! Ein freundlicher Schaffner half uns schließlich auf die Sprünge und brachte uns zu Gleis 3.
Es folgte eine zweistündige Fahrt, auf der nichts Aufregendes passierte, außer daß einige – mich eingeschlossen – einnickten. In Verona fanden wir das nächste Gleis schnell, und zu unserer Freude gab es dort einen Brunnen, an dem wir uns mit Wasser versorgten. Der letzte Zug war dann so voll, daß wir uns auf den Gang setzen mußten. Vier Stunden waren es bis Genua; wir vertrieben uns die Zeit mit Dösen, Lesen und Chronikschreiben. In den letzten zwei Stunden wurden Gott sei Dank noch Sitzplätze frei.
In Genua tauschten wir das Sippengeld in die harte Währung Lire und gingen zum Hafen, wo wir unser Schiff recht schnell fanden und uns bis 17.00 Uhr davorsetzten. Dann gingen wir an Bord und bemerkten den ziemlich verlotterten Zustand des Schiffes; auch die Bar und die Aufenthaltsräume konnten den Eindruck nicht mildern. Wir stellten die Rucksäcke ab und suchten – vergeblich – nach einem Schlafplatz. Nachdem das Schiff abgelegt hatte, kochten wir uns erstmal einen Texas-Eintopf und verzogen uns auf Deck. Die Stimmung war ausgelassen, das Wetter Gott sei Dank gut. Wegen der Abendkälte tranken wir den Tee dann unten.
Danach begann der Abend anders zu verlaufen: Ein paar von uns beschlossen, auf Deck zu schlafen, Florian E. und ich blieben noch. Da kamen zwei Italienerinnen, die auf Klassenfahrt waren. Florian, mit der Gitarre im Arm, fragte sie, ob sie mitsingen wollten – und ab da ging das Chaos los. Es wurden immer mehr Mädchen und schließlich auch Jungs; der Rekord lag bei 30 italienischen Schülern, die ausgelassen mit Florian mitträllerten, den sie offenbar zum Nationalhelden erklärt hatten. Dann schleppten uns die Italiener kreuz und quer übers Schiff, bis wir oben vor einem Kino haltmachten und dort anderthalb Stunden sangen. Ich muß zugeben, daß ich sehr müde war – in der Nacht zuvor hatte ich nur drei Stunden geschlafen. Um halb eins war Schlafenszeit; wir sammelten noch ein paar Adressen ein und krochen in die Schlafsäcke. Florian E. und ich schliefen ebenfalls auf Deck. Daß alle hundemüde waren und sofort einschliefen, muß ich wohl nicht extra erwähnen (ich nach einer Minute).
4.4.95, Dienstag: …und auch Fähre
Um 7.00 Uhr wachten alle auf, weil das Schiff in einen Hafen einlief. Wir stiegen aber erst im nächsten aus, also keine Panik. Einige standen trotzdem auf, um sich von den Italienern zu verabschieden. Ich machte einen ersten Streifzug, fand alles verlassen und leicht verdreckt vor und packte unser Essen und unsere Sachen zusammen. Während die anderen sich noch mal hinlegten, war ich überraschenderweise gar nicht mehr müde: Ich zog mich an, setzte mich hin, beobachtete, wie das Schiff ablegte, und schrieb Chronik.
Mit Verspätung kamen wir um 12.30 Uhr in Arbatax an. An der Bushaltestelle merkten wir, daß Torsten [Anm.: einer der anderen Sippenführer] mit seiner Sippe schon aufgebrochen war – kurz geärgert, dann in den Bus gestiegen. Am Busbahnhof begegneten wir Torsten noch einmal und gaben ihm Zeichen, wie er hinfinden sollte. Komischerweise sahen wir ihn danach noch mal an einer Mauer sitzen; langsam schien er ärgerlich zu werden.
In Baunei setzten wir uns in den Ort, um Mittag zu essen. Wir sahen Orangenbäume und bettelten uns ein paar zusammen. Die Frau war einigermaßen freundlich – nur als wir die Orangen von der Mauer herunterwarfen (darunter standen natürlich Jan, Björn und Florian S.), wurde sie ungehalten [Anm.: vermutlich berechtigterweise, da meines Erachtens einige auf den Boden fielen und kaputt gingen]. Danach warteten wir, bis wieder ein Laden aufmachte, denn in Italien ist von 13.00 bis 17.00 Uhr Siesta. Als endlich einer gegenüber öffnete, kauften wir massig ein, unter anderem Blätterteig und Spaghetti. Erwähnenswert ist noch, daß die Mädchen des Dorfes ständig „zufällig" bei uns vorbeikamen.
Schließlich brachen wir auf. Es folgte ein mörderischer Anstieg fast bis auf einen Berggipfel – das Doofe war nur, daß wir oben angekommen alles wieder hinunter mußten. Weil wir es bis zum Restaurant „Golgo" (wo wir Wasser holen wollten) nicht mehr schafften und noch über drei Liter dabeihatten, beschlossen wir, vier Kilometer davor unter freiem Himmel zu nächtigen – das Wetter war schön genug. Es gab Spaghetti mit Tomaten-Käse-Schinken-Soße, dann ab in die Schlafsäcke.
5.4.95, Mittwoch: Ristorante Golgo & San Pietro
Wir standen sehr spät auf (9.00 Uhr) und liefen erst um zehn los. Die vier Kilometer bis zum Restaurant „Golgo" schafften wir im Handumdrehen. Das Restaurant war natürlich zu – es machte erst im Sommer auf –, aber Gott sei Dank gab es draußen einen Waschplatz. Weil man das Wasser nicht trinken konnte, füllten wir den Wassersack und gaben „Micropur" hinein, das Keime und Bakterien entfernt. Dann gab es „Frühstück" (um 11.00 Uhr), und wegen der Hitze machten wir gleich dort Siesta: nasse Sachen vom Tau auslüften, ausruhen, Blödsinn machen.
Zum Schluß kam der Inhaber des Restaurants vorbei und machte uns freundlich auf eine kleine Hinterlassenschaft neben einer Mauer aufmerksam. Björn gestand später kleinlaut, daß sie von ihm war – wir kugelten uns fast vor Lachen. Beim Mittagessen fanden wir außerdem eine alte Karre, irgendwas zwischen Rutsche und Schubkarre. Natürlich luden wir sofort unsere Rucksäcke darauf und schoben sie vier Kilometer bis zu einer leerstehenden Kirche (San Pietro di Golgo), wo wir übernachten wollten. Dort gab es sogar eine Feuerstelle und ein paar kleine Hütten – die Feuerstelle war in einer der Hütten, in der wir dann auch lagerten. Während die einen ein paar Esel jagten, machte der andere Teil das Essen (Reis mit Fleisch, Zwiebeln und Gemüse). Danach schrieben wir Chronik, kochten Tee, sangen und gingen ins Bett.
6.4.95, Donnerstag: Der Klau in Cala di Sisine
Heute weckten uns Bauarbeiter, die rund um die Kirche Hütten hochzogen. Da wir mit ihnen nicht groß in Kontakt kommen wollten, beeilten wir uns aufzustehen und loszukommen. Uns wurde klar, daß das Essen nicht reichen würde – also beschlossen wir, heute viel zu wandern. Das Frühstück fiel kärglich aus (keine Haferflocken mehr), dann liefen wir etwa eine Stunde zu einer Schlucht. Und da wurde es richtig heftig: Die Schlucht war lang, links und rechts ragten Berge auf, und wir wurden ziemlich müde. Nach acht Kilometern kamen wir endlich ans Meer, warfen die Rucksäcke weg und sprangen nackig ins Wasser – alle außer Florian S. und Björn. Wir schnappten uns sogar ein Tretboot und fuhren ein bißchen damit, obwohl ein Loch drin war und das Ruder fehlte.
Dann fanden wir ein Restaurant, das demselben Inhaber gehörte wie das in Golgo. Nachdem Ludwig gegen eine Tür getreten hatte, öffneten sich für uns buchstäblich Tür und Tor: ein sagenhaftes Lager mit 600 (!) Flaschen Mineralwasser, dazu Fruchtsäfte, Cola, Fanta und allerlei anderes. Wir nahmen aber nur zweimal sechs Mineralwasser, sieben Flaschen Eistee und ein paar kleine Birnensäfte mit. Ein bißchen plagte uns danach sogar das Gewissen – aber damit ließ sich leben. Zum Abendessen gab es Spaghetti mit Tomatensoße. In dieser Nacht schlief ich schlecht: Ich hatte mir auf den Ohren einen Sonnenbrand geholt. [Anm.: Ja, gut… ich würde meinem 14jährigen Ich heute wohl sagen: Instant Karma.]
7.4.95, Freitag: Super-Anstieg zu Cala di Luna
Wir wachten um 9.00 Uhr auf und gingen zwanzig Minuten später los. Heute stand ein harter Aufstieg an. Zuerst ging es auf einem Mini-Pfad – eigentlich nur noch Steine – hundert Meter in die Höhe, wo wir „frühstückten" (leider nur trockenes Brot mit Margarine und Marmelade). Als wir weiterliefen, wurde es im wahrsten Sinne mörderisch: ein Superanstieg, ungefähr sechs Kilometer lang, bei dem ich ein echtes Tief hatte. Es war eklig, wie einem der Schweiß herunterlief. Irgendwann kamen wir dann oben an – der fast glücklichste Augenblick meines Lebens – und aßen erstmal zu Mittag.
Danach war es nur noch ein Klacks: erst auf einer Höhe entlang, dann hinunter in die Codula di Luna, wo uns zum Schluß noch die Macchia zu schaffen machte – Dornengestrüpp. In der Cala di Luna empfingen uns zwei ältere Männer und drei Hunde. Wir bettelten uns Spaghetti, Wasser und einen Lagerplatz zusammen und gingen erstmal baden. Wie jeden Abend gab es Spaghetti, wir sangen und krochen in die Schlafsäcke.
8.4.95, Samstag: Ausruhtag at Luna
Diesen Tag wollten wir an der Cala di Luna bleiben, um uns vom Vortag zu erholen. Wir standen spät auf (9.00 Uhr) und setzten Kartoffeln auf. Während sie kochten, wuschen wir unser Geschirr und ruhten uns aus. Viel zu essen hatten wir nicht mehr, und weil morgen Sonntag war, würden wir uns dann etwas zusammenbetteln müssen. Um 11.00 Uhr gab es Mittag, danach legten wir uns an den Strand, spielten Karten und schrieben Chronik. Später gingen wir noch schwimmen und kochten uns aus Hunger eine kleine Zwischenmahlzeit. Zum Abendessen um halb sieben hatten wir uns bei den beiden Italienern noch Käse und Brot besorgt (und bezahlt); es gab Spaghetti mit Käse und Zwiebeln. Wir gingen früh zu Bett und sprachen noch lange über unsere Pfadi-Zukunft.
9.4.95, Sonntag: Cala Gonone, Dorgali und meeting Becco
Wir standen um 9.00 Uhr auf, packten das Zelt zusammen und kauften noch Wasser, das erst um elf angestellt wurde. Dann ging es nach Cala Gonone – eigentlich kein schwieriger Weg, jedenfalls nicht mit den letzten beiden Tagen zu vergleichen; zum Schluß liefen wir sogar drei Kilometer auf Asphalt. In Cala Gonone kauften wir Postkarten und schrieben erstmal welche. Weil kein Laden offen hatte und wir nur noch Käse besaßen, beschlossen wir, mit dem Bus nach Dorgali zu fahren (die neun Kilometer bergauf auf Asphalt wollten wir uns sparen). Im Bus nervte ein etwa sechsjähriges Mädchen namens Tamara.
In Dorgali schickte Florian mich und Flo S. los, Benzin zu holen [Anm.: Unser Kocher feuerte mit Benzin, das aus einer wiederbefüllbaren 1-Liter-Flasche kam], während er und Ludwig einkauften. An einem Sonntag waren die Chancen schlecht, also liefen wir zurück – und dann wurde es lustig: Ein Mann aus einer Bar lud Jan, Björn, Flo S. und mich zu einem Getränk ein (natürlich nur zu einer Cola). In der Bar saßen der Mann – er hieß Becco –, ein Kommandant, ein kleiner, sehr cool wirkender Mann, der Besitzer und noch einer, der ein bißchen Deutsch sprach. Als Florian und Ludwig dazukamen, wurden auch sie prompt eingeladen.
Weil wir in der Stadt übernachten wollten, lud Becco – derjenige, der die Cola bezahlt hatte – uns kurzerhand ein, in seiner Wohnung zu schlafen; der Kommandant meinte, die Straßen seien nachts gefährlich. Wir freuten uns riesig. Becco war übrigens betrunken, aber trotzdem nett und offenbar stadtbekannt. Seine Wohnung hatte vier Zimmer. Er zeigte uns, was wir essen durften, und verschwand wieder. Wir aßen zu Abend (Sachen aus seiner Küche, dazu Brot und Käse), kochten Tee und legten uns im Wohnzimmer schlafen. Es gab sogar einen Videorekorder; die Filmauswahl war allerdings so zweifelhaft erotisch, daß wir schnell wieder ausschalteten. Danach schrieben wir Chronik und Postkarten, unterhielten uns noch ein bißchen und schliefen ein.
10.4.95, Montag: Einkaufen, Becco verlassen
Becco weckte uns um 9.00 Uhr. Wir überlegten, was wir alles einkaufen mußten, füllten die Wasserflaschen und verabschiedeten uns von ihm – er war inzwischen richtig melancholisch, weil er viele Sorgen hatte. Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Vorher lud er uns noch zum Frühstück ein. Und das ist kein Witz – es gab Entendärme und Entenmägen! Florian E., der einen Jagdschein hat, mochte es, und Jan auch.
An einem Platz mit einer Statue schickte Florian E. mich und Flo S. wieder Benzin holen. Diesmal war die Tankstelle offen; der Mann guckte uns nur ziemlich doof an, als wir „Pieno, per favore" – voll bitte – sagten [Anm.: eine 1-Liter-Flasche hatte dort sicher vorher nie jemand aufgetankt]. Während Ludwig und Jan Andenken kauften, schrieben Flo S. und ich Postkarten und Chronik. Später kaufte ich mir noch eine Glocke (jeder aus der Sippe hatte eine) [Anm.: wir befestigten die an unseren Rucksäcken] und eine Telefonkarte, mit der ich zu Hause anrief.
Dann teilten wir die Einkäufe auf, und der Rucksack war gleich vier Kilo schwerer. Wir liefen ein paar Kilometer und merkten, daß wir es heute nicht mehr bis zur Kirche schaffen würden, in der wir übernachten wollten. Zuerst ging es ein Stück über die SS 125, dann bogen wir auf einen Feldweg Richtung Gorroppu-Schlucht ab. An einer Trinkwasserquelle beschlossen wir zu übernachten – und merkten, wie es anfing, sich zu bewölken. Während ich das Abendessen kochte (Kartoffeln), bauten die anderen einen Poncho-Überhang. Der klappte allerdings nicht so richtig, also fragten drei von uns bei einer italienischen Familie, ob wir auf deren Terrasse schlafen dürften. Die meinten, es würde wohl nicht regnen, und brachten uns ein paar Brötchen mit Käse mit. Im Glauben an die Wetter-Vorhersagekraft der Italiener legten wir uns hin, hatten aber vorsichtshalber die Ponchos neben uns und eine Kothenbahn über den Rucksäcken.
11.4.95, Dienstag: Trecker fahr’n und Gorroppu-Schlucht
Zum ersten Mal wurden wir schon um 6.30 Uhr geweckt – das bestätigte den Verdacht, daß diese Quelle die Haupttrinkwasserversorgung der Gegend war: Es hielten unglaublich viele Autos. Um 9.00 Uhr standen wir auf; vorher brachte uns der Mann, bei dem wir am Vorabend gefragt hatten, noch Brötchen, richtig gute Wurst und guten Käse. Das gab es unterwegs zum Frühstück.
Dann passierte etwas, das auch für Sardiniens Gastfreundschaft sprach: Ein Mann mit Traktor und Anhänger fragte, ob wir mitfahren wollten. Natürlich stiegen wir zu und freuten uns wie sonstwas. Es zeigte aber auch, daß wir es heute wohl nie bis zur Schlucht geschafft hätten, denn er brachte uns 10 bis 15 Kilometer weit, und danach waren es immer noch sechs. Am Brunnen trafen wir übrigens Beccos Freund wieder, dazu den Kommandanten aus der Bar und einen Kerl mit Vespa, der uns ein, zwei Tage zuvor den Weg gezeigt hatte.
Wir aßen noch ein paar geschnorrte Orangen und gingen dann Richtung Schlucht. Die Straße ging in einen guten Feldweg über, und mit ein paar Pausen erreichten wir die Schlucht schnell. Eigentlich war sie gar nicht so toll und unten durch Stacheldraht versperrt, aber etwas weiter oben fanden wir einen guten Schlafplatz und machten Feuer. Diesmal kochten wir 1500 Gramm Nudeln – 250 pro Person! Am Anfang der Fahrt waren es noch 750 Gramm für alle zusammen gewesen. Entsprechend satt wurden wir. Später spielten wir Karten und schrieben Chronik. Die beiden Florians besichtigten noch die Schlucht und erzählten, es sei dort ganz toll und das Echo komme gar nicht heraus, so hoch sei sie. Wir sangen noch ein Weilchen, tranken Tee, zogen uns um – ich komplett neue Sachen – und gingen schlafen.
12.4.95, Mittwoch: Weiter Weg zurück und Trampen-Teil 1
Heute standen wir wieder (wie könnte es anders sein) um 9.00 Uhr auf und wuschen uns im Bach in der Schlucht. Das Wasser war herrlich kalt, und wir wurden endlich mal wieder richtig sauber. Nachdem Björn dem Florian E. noch eine Batterie für die Kamera gegeben hatte, packten wir zusammen.
Heute erwartete uns ein angeblicher Aufstieg, und an der angeblichen Abzweigung zu dem angeblichen Weg frühstückten wir erstmal angeblich, ähh… ausgiebig. Als wir die Abzweigung dann nahmen, landeten wir mitten in der Macchia, und nach einem Erkundungsgang von Flo E. beschlossen wir, zum Anfang der Schlucht zurückzuwandern und ab dort zu trampen. Die paar Kilometer schafften wir locker, und nach kaum einem weiteren Kilometer hielten schon Leute an und fragten, ob sie unsere Rucksäcke mitnehmen könnten. Wir sagten zu und gaben ihnen, weil sie den Brunnen nicht kannten, Björn als Lotsen mit. Der Rest wanderte weiter bis zwei Kilometer vor den Brunnen, wo netterweise ein deutsches Ehepaar hielt und uns mitnahm. Am Brunnen kochten „wir" gleich das Essen und lernten dabei einen netten, verschrobenen Kerl kennen, der ganz lustig drauf war. Was es gab, brauche ich eigentlich nicht mehr zu schreiben: Spaghetti. Während Florian E. den etwas kaputten Kocher reparierte, wuschen wir ab und sangen noch alle zusammen.
13.4.95, Donnerstag: Trampen-Teil 2 und erstes Treffen
Wir standen wieder um 9.00 Uhr auf und frühstückten ausnahmsweise am selben Ort, weil wir heute oben an der SS 125 trampen wollten. Der Aufstieg zur Bundesstraße war zwar hart, aber man gewöhnt sich dran. Oben setzten sich Ludwig, Jan und Florian S. – die „Ginetti-Brüder" – etwas abseits, denn sie trampten zuerst. Nach einer Viertelstunde hielt sogar eine alte Oma an, die nach eigenen Angaben „mit 80 vor der Kurve und mit 40 in der Kurve" fuhr. Wir anderen warteten (und spielten dabei Skat), und als nach anderthalb Stunden immer noch kein Auto kam, liefen wir Richtung Dorgali los. Kurz bevor wir die Hoffnung aufgaben, holte Florian E. noch mal das Schild „Urzulei" heraus – und prompt hielt eine deutsche Familie. Sie war sehr nett, und man konnte sich prima unterhalten.
In Baunei ließen sie uns raus, die Stadt kam uns bekannt vor, und wir liefen bis zu einer Tankstelle vor dem Ort. Nach kaum einem Steh-Spurt hatten wir Glück, und ein italienisches Auto nahm uns mit. Unterwegs wurden wir von Carabinieri angehalten, die Kontrollen machten und komischerweise Maschinenpistolen trugen. Da merkten wir auch, daß unser Fahrer das Auto wohl nur irgendwohin überführte. Er ließ uns am Ortsschild von Tortolì raus, wo wir uns mit den anderen verabredet hatten. Dort hing ein Zettel mit der Unterschrift „Ginetti": Sie warteten an einem Supermarkt – und dort waren sie auch.
Als ich von einem kurzen Abstecher in eine Bar zurückkam, saß plötzlich Dirk aus Tims Sippe (den Würgfalken) da. Ich wunderte mich echt. Später kam auch Florian E. mit Tim dazu. Von ihnen erfuhren wir, daß Philipp wegen eines verstauchten Fußes schon mit dem Flugzeug nach Hause geflogen war. Wir gingen mit den zwei übrigen Würgfalken zum Busbahnhof, wo die anderen einkaufen gingen. Und dann passierte etwas Unerwartetes: Ein Bus kam mit den Gerfalken um die Ecke. Die Wiedersehensfreude war groß, und man erzählte sich gegenseitig die Erlebnisse. Dummerweise fing es dann an zu regnen – zum ersten Mal seit sieben Monaten in Sardinien (!) –, und so stellten wir uns in einem alten Theater unter, wo wir auch zu Abend aßen und gegen 22.00 Uhr schliefen.
14.4.95, Freitag: 3 km bis Arbatax und sonstiges
Heute passierte nicht viel. Wir standen um 9.30 Uhr auf und liefen los. An einem Supermarkt machten wir halt und frühstückten, während die Gerfalken einkauften. Nur zwei Leute nervten, die die andere Tramp-Gruppe kennengelernt hatte und uns ständig fotografieren wollten. Wir gingen dann schlauerweise noch zweieinhalb Kilometer weiter und machten an einem Kiosk eine Stunde Pause zum Telefonieren und Plaudern.
Danach ging es den restlichen halben Kilometer bis zum Strand. Wir schauten erst in einen alten Turm, ob man dort schlafen könnte – konnte man nicht, aber beim Zurückgehen fiel uns ein anderer guter Zeltplatz auf. Dort schlugen wir unsere Zelte auf, und weil der Himmel gerade seine Schleusen öffnete, kochten wir im Zelt. Die zwei Würgfalken, die nur ein Poncho-Zelt hatten, aßen bei uns mit. Es war sehr lecker (Spaghetti mit Tomaten-Käse-Soße, Zwiebeln und Speck). Wir unterhielten uns und sangen noch lange, bis 22.00 Uhr. Für mich wurde es allerdings eine ungute Nacht: Das Zelt stand schief, ich schlief am Rand, und die restliche Sippe traktierte mich mit den Füßen.
15.4.95, Samstag: Fähre fahren…
Heute stand ich als Erster auf und packte in Rekordzeit zusammen, während die anderen noch wach in den Schlafsäcken lagen. Belohnt wurde ich damit, daß ich die Zwiebeln fürs Frühstück schneiden und zwei Kothenbahnen zusammenlegen durfte. Immerhin gab es ein Superfrühstück: Rührei mit Zwiebeln und Speck, dazu Milchkekse. Um 11.30 Uhr brachen wir auf und kamen um 12.15 Uhr am Hafen an – wo Florian uns kurz schockte: Auf seinem Fahrplan stand „11.30/14.00", also meinte er, das Schiff sei schon um 12.00 Uhr abgefahren. Gott sei Dank stimmte das nicht. Wir warteten noch etwa eine Stunde, in der ich Chronik schrieb und die anderen Andenken kauften.
Das Schiff war dasselbe wie auf der Hinfahrt, also gingen wir auch an denselben Platz. Wegen des hohen Wellengangs wurde mir einmal schlecht, aber Gott sei Dank beruhigte sich das Wetter bald. Wir lernten noch eine nette Frau mit einer noch netteren Tochter kennen – Letztere lernte Florian E. besonders gut kennen. Ich aß trotzdem noch zu Abend, ging aber gleich danach zu Bett, während die anderen noch sangen.
16.4.95, Sonntag: …und auch Zug
Wir standen um 8.00 Uhr auf und packten zusammen. Der Wellengang war heute sehr angenehm, so daß ich mich richtig wohl fühlte. Um 10.00 Uhr kamen wir in Genua an und gingen schnell von Bord. Die zwei Kilometer bis zum Hauptbahnhof waren ein Pappenstiel, und weil wir noch drei Stunden Aufenthalt hatten, frühstückten wir erstmal und spielten Karten – außerdem freuten wir uns langsam auf zu Hause. Nach großem Suchen fanden wir um 13.00 Uhr das Gleis, von dem unser Zug nach Mailand fuhr. Leider fuhren wir darin nur anderthalb Stunden, so daß wir nicht viel machen konnten. In Mailand stiegen wir um in den Zug nach Münch…
Und hier bricht die Chronik ab – die Seiten zur Rückfahrt und zum letzten Tag (17.4., im Inhaltsverzeichnis vielsagend „Last hours and End!") fehlen im Scan. Passenderweise endet das Heft also genau da, wo auch die Fahrt endete: irgendwo zwischen Mailand und München, hundemüde, sonnenverbrannt, um ein paar Kilo Spaghetti und ein paar Erinnerungen fürs Leben reicher.